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Soziale Ausgrenzung und Entwürdigung mit Hilfe der Tafeln?

BundeslogoIm Artikel des Kölner Stadt-Anzeigers vom 13. April 2011 „Kleiderkammern und Tafeln – gut gemeint, aber nicht immer gut“ wird von negativen Aspekten der Tafeln berichtet, die einer Studie der Caritas NRW entnommen werden.

Es wird dort behauptet:
1.     Tafeln „tragen zur sozialen Ausgrenzung bei.“
2.     „Nutzer empfinden die Essens- und Kleiderausgabe als belastend.“
3.     Es entsteht das „vorherrschende Gefühl, nicht mehr zur Gesellschaft zu gehören“.

4.     Wer hingeht, „schaut in den Spiegel der Ausgrenzung“
5.     „Zu selten ist ein Dialog auf Augenhöhe“, „zu wenig wird mit den Menschen gesprochen.“
6.     Existenzsicherung ist „grundsätzlich Aufgabe des Staates“
(Studie der Caritas NRW, Sprecher Heinz-Josef Kessmann)

Ähnliche Kritikpunkte sieht auch das Amt f. Diakonie des Ev. Kirchenverbandes Köln u. Region. So sagt die Geschäftsführerin Helga Blümel:

1.     Almosengabe kommt für die Empfänger oft einer „zweiten Entwürdigung gleich“.
2.     Initiativen dienen „oft vor allem den Helfern und nicht den Bedürftigen“.

Wir möchten diese Kritik für die Overather Tafel entschieden zurückweisen.

Was ist schon „immer gut“?

Nichts. Es kommt immer darauf an, wie eine Idee umgesetzt wird, und so ist es auch mit den Tafeln. Natürlich sind Tafeln, bei denen die bedürftigen Abholenden auf der Straße vor dem Ausgabe-Haus Schlange stehen, um dann vorgepackte einheitliche Lebensmittel-Pakete in Empfang zu nehmen, nicht gerade förderlich für das Selbstbewusstsein der Abholenden, sondern eher „entwürdigend“, wie Helga Blümel vom Amt für Diakonie sagt.

Sie sollte einmal zu unserer Overather Tafel kommen. Dort steht niemand vor der Tür und niemand vermisst den „Dialog auf Augenhöhe“. Man geht sofort in das große Café und wartet, nachdem man seinen Tafel-Ausweis gezeigt hat, bei Kaffee und Kuchen im Gespräch mit den ehrenamtlich Mitarbeitenden und anderen „Kunden“, bis man im Ausgaberaum seine Lebensmittel aussuchen und abholen kann. Es sind Freundschaften entstanden und es gibt Leute, die auch noch ins Café kommen, wenn sie Arbeit gefunden haben und nichts mehr brauchen, die einfach mit ihren alten Bekannten reden wollen.

Unsere Mitarbeitenden stehen zu Beratungen auf Augenhöhe bereit, häufig unterstützt von Caritas-Personal, das ihnen bekannte Bedürftige hinbringt oder auch nur zu Beratungen bereit steht. Über unser Bewerbungstraining haben schon einige Teilnehmer Stellen gefunden und viele wissen dank unseres Kochkurses, wie man Broccoli u.a. gesundheitsbewusst zubereitet (Foto: Kundinnen danken unserer Tafel nach 1 Jahr Bestehen).

Die ursprüngliche Tafel-Idee, noch gute, aber nicht verkaufte Lebensmittel Bedürftigen zukommen zu lassen, statt sie in Unmengen wegzuwerfen, wird von der ganzen Kritik gar nicht berührt. Es geht nicht darum, dass „Lebensmittelhändler ihre Produkte sinnvoll entsorgen“ können, sondern um eine menschlich sinnvolle Verwaltung unseres Wohlstandes, an dem viele unverschuldet nicht teilhaben können. Der Staat ist auch nicht für alles zuständig.

Natürlich macht allen Mitarbeitenden ihre Arbeit Freude und sie verstehen sie auch als Gewinn für      sich selbst. Dass sie aber „vor allem den Helfern und nicht den Bedürftigen“ dient, wie im Artikel gesagt wird, ist wohl recht zynisch und gilt, wenn es für einzelne zutreffen sollte, für alle sozialen Institutionen einschließlich Caritas und Diakonie.

Dieter Matthias

 


 

Contra Tafeln: Tafeln für Arme - Segen oder Fluch?

02.10.2009, Barbara Allebrodt, Sabrina Radeck

Der Westen. Das Portal der WAZ-Mediengruppe

http://www.derwesten.de/nachrichten/wr/2009/10/2/news-135469323/detail.html

Dortmund. Mit einem Aktionstag wollen Tafel-Einrichtungen überall in Deutschland am Samstag ein „Zeichen gegen Armut” setzen und an die soziale Vernunft der Bundesregierung appellieren. Für viele Hartz-IV-Bezieher und Menschen mit kleinen Einkommen sind die Tafeln eine Hilfe beim Lebensunterhalt.

Doch es gibt auch kritische Stimmen. In seinem Buch „Fast ganz unten” stellt der Soziologe Stefan Selke die These auf, dass die Tafeln den Kampf gegen die Armut behindern. Die Tafelmitarbeiter sehen dies naturgemäß anders.

»Durch die Tafeln ist der Druck für die Politiker geringer«

Freitagmittag, kurz vor 14 Uhr. Bei der Dortmunder Tafel ist alles vorbereitet für den Ansturm der Kunden. Henning Rose ist seit fünf Jahren als Ehrenamtlicher dabei. Damals musste er krankheitsbedingt seinen Job aufgeben und wollte doch weiterhin etwas Nützliches machen. Über das Dortmunder Ehrenamtsbüro fand er zur Tafel, eine sinnvolle Aufgabe schien ihm - und so ist es bis heute geblieben. „Wir erleichtern unseren Kunden den Alltag, ohne die Lebensmittel von der Tafel sähe es bei ihnen schlimm aus”, sagt Rose

Andreas T. (Name geändert) ist so ein Beispiel. Der Vater von sechs Kindern bezieht Hartz IV. Bevor er im letzten Jahr selber als ehrenamtlicher Helfer bei der Tafel angefangen hat, kam er als Kunde her. „Die meisten Lebensmittel könnten wir uns sonst gar nicht leisten”, sagt T. „Obst und Gemüse, Brot und Wurstwaren, das alles ist so teuer geworden. Und die Kinder freuen sich über die Süßigkeiten.”

Der Soziologe Stefan Selke hat sich ein Jahr lang intensiv mit dem Phänomen der Tafeln beschäftigt, hat selber mitgearbeitet, mit den Menschen gesprochen und dabei festgestellt, dass sich die Idee hinter der Bewegung verändert hat. „Früher war die Grundidee, Überflüssiges zu verteilen. Mittlerweile ist die unausgesprochene Leitidee ,Wir ersetzen das Fehlende'”, sagt Selke. Längst würden nicht mehr nur die Dinge verteilt, die in Supermärkten oder Gastronomiebetrieben übrig blieben, sondern es komme auch vor, dass spezielle Dinge, wie Schulranzen oder Weihnachtsbraten, gezielt gekauft würden. So aber, meint Selke, werde eine Erwartungshaltung erzeugt und die Armut verstetigt. Außerdem, so glaubt er, würde ohne Tafeln auch der Druck auf die Politik wachsen. „Durch die erfolgreiche Arbeit der Tafeln ist der Druck für die Politiker, nach Alternativen zu suchen, gering”, sagt Stefan Selke.

Fatal, wenn sich Staat zurückzieht

Ein Punkt, den jüngst auch die Caritas kritisierte. So zitierte der Tagesspiegel aus einem Caritas-Papier, in dem es heißt: „Es wäre fatal, wenn die politischerseits gern gesehene Tafelbewegung dazu beiträgt, dass sich der Staat aus der Daseinsvorsorge seiner Bürger sukzessive zurückzieht.”

Inzwischen hat die Freitags-Tafel in Dortmund ihre Tore geöffnet. Wer hier für einen symbolischen Preis von zwei Euro einkaufen darf, muss zuvor seine Bedürftigkeit nachweisen, bekommt einen Ausweis und einen Tag zugewiesen, an dem er herkommen darf. Vielen der Menschen, die heute hier in der Schlange stehen, sieht man Bedürftigkeit nicht an.

Doch was bedeutet überhaupt Bedürftigkeit? Woran kann man sie erkennen? An Kleidung? Am Bankkonto? An der Teilhabe an der Gesellschaft? „Menschen, die Hartz IV beziehen, sind oft von so vielem ausgeschlossen, sie können nicht ins Kino, nicht ins Schwimmbad, wenn dafür Geld übrig ist, weil sie Lebensmittel von der Tafel bekommen, was soll daran schlecht sein?”, sagt Sybille Klein von der Siegener Tafel.

Manchmal ist die Tendenz zu beobachten, dass die Tafeln zum Monatsende wesentlich besser besucht sind als zu Monatsbeginn, kurz nachdem es Geld gegeben hat. Und es kommt vor, dass Kunden ihre Lebensmittel direkt vor Ort noch einmal nachsortieren und Dinge wegwerfen. So etwas macht die Tafelmitarbeiter wütend. „Wenn wir jemanden dabei beobachten, bekommt er beim ersten Mal die Gelbe Karte, beim zweiten Mal wird er für einen Monat ausgeschlossen”, beschreibt Henning Rose den Umgang der Dortmunder Tafel mit solchen Fällen.

Und dennoch, für Rose ist die Tafelarbeit über jeden Zweifel erhaben. Für ihn steht fest: „Jeder Bedürftige würde einen neuen Job, eine Veränderung seiner Situation dem Gang zur Tafel vorziehen.”

 


Pro Tafeln: Die Stunde des Almosens

von Gerd Held, Privatdozent am Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Berlin, 19.12.2009 - 15.40 Uhr

http://debatte.welt.de/kommentare/179132/die+stunde+des+almosens?req=RSS

Die milde Gabe und die Praxis der Tafeln gehört verteidigt: Es gibt eine Hilflosigkeit des Menschen, die durch keine staatliche Sozialleistung berührt wird.

In diesen kalten Tagen schauen viele Menschen etwas genauer hin, wenn sie einem Obdachlosen auf der Straße oder in der U-Bahn begegnen. Bei dieser Begegnung mit der Not, von Angesicht zu Angesicht, stellt sich nicht selten ein Gefühl der Demut ein: Wer weiß, was diesen Menschen aus der Bahn geworfen hat? Wären wir mit damit besser fertig geworden? In solchen Momenten erinnern sich die Menschen, dass ihr Lebensweg nicht nur selbst gemacht ist, sondern auch gegeben ist.

Leistung, Verantwortung, Selbstbestimmung – darauf ist unsere Welt mit ihrer Vielfalt und Offenheit gebaut.
Auch der Sozialstaat bewegt sich in diesem Rahmen. Doch gibt es in der Begegnung mit der Not einen Moment, wo das alles in den Hintergrund tritt und man einsehen muss, dass die selbstbestimmte Bürger-Welt auch nur ein schwankendes Schiff auf einem ungewissen Meer ist. Das ist die Stunde des Almosens.

Eine Million Notleidende

In den vergangenen Jahren sind die „Tafeln“ in Deutschland zu einer beeindruckenden sozialen Bewegung geworden. Sie sammeln Lebensmittel ein, die Hersteller, Händler oder Gastronomen aussortiert haben; diese verteilen sie kostenlos oder gegen einen symbolischen Betrag an Bedürftige. 1994 begann es mit vier Tafeln, inzwischen sind es über 800. Die Zahl der Notleidenden, die hier im Schnitt einmal pro Woche eine warme Mahlzeit essen oder Lebensmittel mit nach Hause nehmen, hat die Million erreicht. Ein Viertel davon sind Kinder und Jugendliche.

32000 ehrenamtliche Helfer tragen das Werk, das im Kern auf einer schlichten, direkten Geste beruht: der Gabe. Bei „Almosen“ ist man geneigt, an einen herablassenden Akt zu denken. Doch das gilt für die Tafeln nicht. Wer einmal eine Tafel besucht, spürt eine freundlich-praktische Geschäftigkeit ohne erhobenen Zeigefinger und Selbstbeweihräucherung. Beim Essen und Trinken ist die Augenhöhe zwischen Gebenden und Nehmenden ziemlich gleich.

Kritik an den Tafeln

Dennoch sind die Tafeln in die Kritik professioneller Sozialverbände geraten. Ein Beispiel ist das Eckpunktepapier, das der Vorstand der Deutschen Caritas vor einem Jahr beschloss und das die Tafeln als „Rückschritt“ und „im Ansatz falsch“ kritisiert. Die Ausgabe von Lebensmitteln sei nicht geeignet, „die individuellen oder auch strukturellen Ursachen von Armut zu bekämpfen“. Das ist eine erstaunliche Argumentation. Denn sie wendet höhere Ansprüche gegen die direkte Hilfe. Das hehre Ziel wird gegen die einfache Gabe ins Feld geführt. Angesichts dieser Kritik haben sich viele Tafel-Helfer, darunter viele Caritas-Mitglieder, gefragt, was sie denn anders machen sollen. Oder wo die Leute hingehen sollen, wenn man im Namen des sozialpädagogisch Höheren die Tafeln in Misskredit bringt. Ist nicht die Essensgabe allein schon eine Befähigung – so wie es der wärmende Mantel des St. Martin war? Stiftet nicht der Moment, in dem ein Brot, ein Teller Suppe oder ein Kaffee über den Ausgabetisch gereicht wird, ein soziales Verhältnis?

Sicher können die Tafeln nicht die Leistungen des Sozialstaats ersetzen. Aber es gibt eine Hilflosigkeit des Menschen, die durch keine staatliche Sozialleistung berührt wird. Hier kommt die einfache, direkte, lindernde Gabe gerade recht. Deshalb darf die Schlichtheit des Almosens, die die Tafeln auszeichnet, niemals ein Vorwurf sein. Die Gebenden freilich sollten sich nicht zu sehr ins Rampenlicht drängen, sondern sich an Jesu Mahnung halten: „Wenn du Almosen gibst, so sollst du es nicht vor den Leuten tun“ (Matthäus 6,14). In der Not spricht die Gabe für sich.

 


 

 

Was Tafeln leisten können – und was nicht

Ansichten des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V.

Vorwort

Die Tafeln und ihr Bundesverband werden in immer stärkeren Maße von der (Medien-) Öffentlichkeit wahrgenommen. Im Zuge dessen sehen sich die Tafeln und ihr Dachverband zum Teil auch mit kritischen Fragen konfrontiert. Dabei geht es einerseits um die konkrete Arbeit der Tafeln/des Verbandes. Hinzu kommt, dass die Tafeln als Beispiel für die vermeintlich „systemstützende“ Wirkung gemeinnütziger Organisationen allgemein auf komplexe Phänomene wie Armut oder Sozialstaatlichkeit herangezogen werden. Zugespitzt wird behauptet, dass die Tafeln Armut mit verursachen und ihre Arbeit nicht geeignet ist, Armut zu verhindern.

Tragen Tafeln mit ihrer Arbeit dazu bei, dass Armut erhalten bleibt?

Armut ist ein gesellschaftliches Problem, das trotz aller sozialen Fortschritte der jüngeren Vergangenheit nach wie vor besteht. Armut in Deutschland bedeutet in erster Linie Einkommensarmut und damit verbunden Armut an Chancen und gesellschaftlicher Teilhabe. Die Ursachen von Armut sind vielfältig. Manche sind (gesellschafts-)politischer Natur, wie die Lage auf dem Arbeitsmarkt, die Höhe der Löhne und Renten oder das Bildungsniveau der Bevölkerung. Und Armut kann auch die Folge persönlicher Schicksale sein: Menschen, die krankheitsbedingt berufsunfähig werden, können ihre Einkommen nicht mehr aus Erwerbsarbeit sichern. Langzeitarbeitslose sowie Geringverdiener sind auf staatliche Grundsicherung oder aufstockende Leistungen angewiesen. Auch Scheidung, Insolvenz oder Schulden sind Gründe, warum Menschen in Armut geraten. Etwa 20 Prozent der Heranwachsenden unter 15 Jahren sind arm, weil ihre Eltern als AlgII-Empfänger arm sind.

Armut zu verhindern oder wirksam zu bekämpfen, erfordert die Anstrengungen aller gesellschaftlichen Akteure: Staat, Bürger, Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften, Unternehmen und Gemeinnützige. Jeder dieser Akteure hat seine Möglichkeiten und Pflichten, jeder hat aber auch seine Grenzen. Das gilt auch für die Tafeln.

Solange es Armut gibt, solange existieren Organisationen oder Bürgerinitiativen, die den Betroffenen nach ihren jeweiligen Möglichkeiten helfen. Von den 20 Millionen freiwillig Engagierten in Deutschland sind etwa eine Million Bürger im sozialen Bereich aktiv. Es gibt bundesweit tausende Vereine, die Bedürftigen auf die eine oder andere Weise helfen:
Was die Tafeln leisten können: Ansichten des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V. Seite 2
Ärzte behandeln Obdachlose oder Asylsuchende, die keine Krankenversicherung haben. Bildungspaten bringen Kindern in sozialen Brennpunkten Lesen bei oder erteilen Nachhilfeunterricht. Anwälte beraten Bedürftige in Rechtsfragen. Sie alle helfen, weil staatlich finanzierte Einrichtungen (Krankenhäuser, Schulen, Behörden) ihrem Auftrag nicht (ausreichend) gerecht werden.

Die Tafeln sind Teil dieses von Bürgern getragenen nicht-staatlichen Hilfenetzwerkes.
Gemeinnützige Initiativen können Armut nicht beseitigen, weil sie keinen Einfluss auf die Ursachen haben. Sie können nur bei einem Teil der Betroffenen ihre Folgen lindern.
Die von Ehrenamtlichen getragenen gemeinnützigen Tafeln existieren gerade einmal zwanzig Jahre. Die großen staatlich finanzierten Wohlfahrtsverbände (Diakonie, Caritas, AWO, DRK, Parität) mit ihren professionellen Strukturen und einigen hunderttausend Angestellten sind zum Teil über 150 Jahre alt. Trotzdem liegt die Armutsquote in Deutschland mit 15,1 Prozent auf dem höchsten Stand seit der Wiedervereinigung.

Es stellt sich die Frage, welchen Einfluss eine vergleichsweise junge Freiwilligen-Bewegung, wie die Tafeln es sind, auf ein komplexes gesellschaftliches Phänomen wie Armut überhaupt haben kann. Nicht jeder Bedürftige, der Hilfe benötigt, wendet sich an eine gemeinnützgige Organisation. Die Tafeln erreichen ohnehin nur einen kleinen Teil der 12-16 Millionen von Armut betroffenen oder bedrohten Menschen, nämlich etwa 1,5 Millionen Personen, also rund zehn Prozent.
Dem Bundesverband sind keine wissenschaftlichen Studien bekannt, die belegen, welchen Einfluss gemeinnützige Organisationen ganz allgemein oder aber die Tafeln im speziellen auf die Armutsquote in Deutschland haben. Insofern entbehrt die Behauptung, ausgerechnet die Tafeln würden “Armut verfestigen“ jeder Grundlage.

Was können Tafeln für von Armut betroffene Menschen leisten?

Die Tafeln sind gemeinnützige Vereine oder Projekte in Trägerschaft, deren Wirken wie das vieler gemeinnütziger Organisationen/Projekte vor allem durch das Engagement Freiwilliger und die Unterstützung von Spendern möglich wird. Ihr selbst gesetztes Ziel ist es, bedürftigen Menschen mit Lebensmittelspenden zu helfen. Konkret erreichen die Tafeln mit ihrer Arbeit, dass
1) der Speiseplan der Tafel-Nutzer um Lebensmittel ergänzt wird, die sie sich sonst im wahrsten Sinne des Wortes sparen würden. Da die Tafeln vorwiegend Obst, Gemüse, Milchprodukte und Backwaren verteilen, leisten die Tafeln einen Beitrag zu einer ausgewogeneren Ernährung.
2) Für Lebensmittel sind etwa 35% des Regelsatzes bzw. rund 135 Euro eines alleinstehenden AlgII-Beziehers vorgesehen. Die Lebensmittel der Tafeln verschaffen den Nutzern einen kleinen, aber wichtigen finanziellen Spielraum zugunsten anderer dringender Anschaffungen oder kultureller Aktivitäten, die nicht in bedarfsgerechter Weise in den Regelsätzen eingeplant sind (Waschmaschinenreparatur, Zoo- oder Theaterbesuch u.ä.)
3) bedürftige Menschen sich Rat und weitergehende individuelle Hilfen holen können. Die Mehrzahl der Tafeln sind Projekte größerer gemeinnütziger Organisatioen (z.B. AWO, Caritas, Diakonie, DRK, Arbeitslosenverbände etc.). Sie bieten häufig berufliche Qualifizierungsmaßnahmen, Beschäftigungsprojekte, Sozialberatungen und andere Hilfen an.

Was können Tafeln oder ihre Trägerorganisationen darüber hinaus für von Armut betroffenen Menschen leisten?

Neben den vielen aus Bürgerinitiativen hervorgegangenen Tafeln haben sich auch die großen staatlich unterstützten Wohlfahrtverbände an der Entstehung von Tafeln beteiligt. Vor allem die lokalen Verbände von Diakonie, Caritas, AWO, DRK und des Paritätischen sind Träger vieler Tafeln. Diese Entwicklung macht klar: Tafeln stehen nicht in Konkurrenz zu den Hilfsangeboten der Wohlfahrtsverbände, sondern ergänzen diese sinnvoll.

Viele Tafeln bzw. deren Trägerorganisationen bieten unterschiedliche Formen der Hilfe an. Darunter sind Beratungsangebote zu sozialen und gesundheitlichen Themen, Beschäftigungsprogramme, Kochkurse, Nachhilfe u.v.a.m.
Unabhängig von ihrer Rechtsform fungieren Tafeln als Wegweiser zu den vielfältigen Angeboten der gemeinnützigen Hilfen. Weil Armut viele Ursachen hat, sind unterschiedliche Formen der Hilfe nötig. Die Tafeln sind ein Teil dieses Hilfenetzwerkes.

Die Mehrzahl der etwa 50.000 Tafel-Aktiven ist ehrenamtlich im Einsatz. Dennoch sind viele Tafeln auch Arbeitgeber und Ausbildungsbetriebe. Einige Tausend Frauen und Männer sind bundesweit bei den Tafeln bzw. deren Trägern angestellt.
Nicht wenige Tafeln bilden sogar selbst aus – und bereiten junge Menschen auf den Weg in den Beruf vor, z.B. die Tafeln in Gütersloh, Lingen , Singen und Wetzlar.
Zusätzlich sind bei den Tafeln derzeit rund 700-800 Bundesfreiwillige im Einsatz. Viele Bundesfreiwillige haben lange Phasen der Arbeitslosigkeit erlebt. Für ihren Einsatz bei den Tafeln werden sie gemäß Bundesfreiwilligengesetz entlohnt und darüberhinaus beruflich fortgebildet.

Wie nachhaltig ist die Hilfe der Tafeln?

Die Tafeln existieren seit nunmehr zwanzig Jahren. Insofern ist ihr Engagement gegen Lebensmittelverschwendung und für die Unterstützung Bedürftiger in einem gewissen Sinne als „nachhaltig“ (im Sinne von dauerhaft) zu bezeichnen. Millionen Tonnen verzehrfähiger Lebensmittel wären in den vergangenen zwanzig Jahren sinnlos vernichtet worden, wenn es die Tafeln nicht gäbe.
Indem sie die Vernichtung von großen Lebenmittelmengen verhindern, tragen Tafeln dazu bei, dass Ressourcen, die zur Erzeugung von Nahrungsmitteln weltweit erforderlich sind, nicht sinnlos vergeudet werden.
Was nachhaltige Hilfe im Bereich Armutsvermeidung betrifft, sind die Möglichkeiten der Tafeln wie die der allermeisten gemeinnützigen Hilfsorganisationen von vornherein begrenzt. Nachhaltig aus der Armut heraus führen vor allem armutsfeste Einkommen (Löhne, Gehälter, Renten). In diesen Bereichen haben Gemeinnützige nicht den erforderlichen gesellschaftlichen Einfluss. Wenn es um Arbeitsplätze, das Lohnniveau, Kita-Plätze, Bildungschancen von Kindern, die Rentenpolitik und eine sozial gerechte Steuerpolitik geht, müssen Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände ihren jeweiligen Einfluss viel stärker als bisher geltend machen.

Sollten die Tafeln nicht daran arbeiten, sich überflüssig zu machen?
Die Tafeln existieren aus zwei Gründen:
1. Weil es bedürftige Menschen gibt, die der Hilfe bedürfen und es andere Menschen als ihre Aufgaben ansehen, ihren Mitmenschen persönlich zu helfen.
2. Weil bei Herstellern und Händlern große Mengen überschüssiger aber noch einwandfreier Lebensmittel anfallen.
Nichts wünschen wir uns mehr, als dass es keine Tafeln geben müsste. Wir wollen in einem Land leben, das allen Menschen ein würdiges Auskommen und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Von dieser Vision scheinen wir weiter entfernt als je zuvor, denn die sozialen Unterschiede sind größer denn je. Auch die Menge der über Bedarf produzierten Lebensmittel wird auf absehbare Zeit kaum kleiner werden.
Die Tafeln und ihr Bundesverband engagieren sich seit vielen Jahren gegen Armut und Lebensmittelverschwendung. Beide Probleme bestehen fort. Solange es soziale Ungerechtigkeit einerseits und Lebensmittelüberfluss andererseits gibt, werden sich in unserer Bürgergesellschaft Menschen finden, die das nicht hinnehmen.

Halten Hilfsorganisationen Bedürftige von politischem Protest ab?
Uns sind keine wissenschaftlichen Studien bekannt, die diese These belegen. Es ist unrealistisch zu glauben, dass die Schwächsten der Gesellschaft den Aufstand proben, wenn man ihnen Hilfen verweigert. Die alleinerziehende mini-jobbende Mutter oder der gehbehinderte Grundsicherungsrentner werden nicht vor das Kanzleramt ziehen. Sie brauchen all ihre Kraft um ihren schwierigen Alltag zu bewältigen.

Wohlfahrtsangebote abzuschaffen, ist keine Lösung. Jedenfalls nicht für die, die Hilfe benötigen.Was Millionen Bedürftige, die jeden Tag um das Notwendigste, um Normalität und vor allem um ein Mindestmaß an Anerkennung kämpfen müssen, brauchen, sind viele und lautstarke Fürsprecher für eine bessere Bildungs- Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.

Die Tafeln und ihr Bundesverband sind solche Fürsprecher. An die Verantwortlichen in der Politik stellen wir immer wieder konkrete Forderungen, wie z.B. schnellstmöglich eine nationale Strategie gegen Armut zu entwickeln, armutsfeste Mindestlöhne und Renten zu garantieren, bedarfsgerechte Regelsätze für Transferleistungsempfänger, Investitionen in Kinderbetreuung und Bildungseinrichtungen….
Nachzulesen z.B. unter: http://www.tafel.de/aktuelles/forderungen.html


Die Tafeln verteilen nur Lebensmittelspenden. Müssten sie sich nicht viel stärker politisch engagieren oder politischen Protest organisieren?
Die lokalen Tafeln und der Bundesverband sind parteipolitisch neutral. Dennoch versteht sich der Bundesverband als Fürsprecher der von Armut betroffenen Menschen. Als solcher mischt er sich seit vielen Jahren in gesellschaftspolitische Fragen ein, sucht den Kontakt zu Vertretern von Politik, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbänden. Der Bundesverband fordert von den politisch Verantwortlichen bei jeder sich bietenden Gelegenheit Lösungen im Kampf gegen die Armut.
Nachzulesen z.B. unter: http://www.tafel.de/aktuelles/forderungen.html
Der Verband ist langjähriges Mitglied im Paritätischen Gesamtverband und in der Nationalen Armutskonferenz. In deren Gremien engagieren sich die ehrenamtlichen Vorstände und Beiräte des Bundesverbandes ebenfalls für die Rechte bedürftiger Menschen.
Proteste zu organisieren ist nicht die Aufgabe des Bundesverbandes. Die Tafeln verteilen Lebensmittel und bewahren sie vor der Vernichtung. Und wir als Bundesverband kritisieren zugleich und ausdauernd die Sozialpolitik. Auf unseren eigenen Veranstaltungen und auf Veranstaltungen, zu denen wir eingeladen werden.

Legitimieren Tafeln die Lebensmittelverschwendung?
Für Lebensmittelüberschüsse in Deutschland gibt es viele Gründe. Auf allen Herstellungs- und Handelsstufen zwischen Acker und Teller entstehen Verluste. Eine Studie des BMELV hat herausgefunden, dass nicht die LM-Händler, sondern Privatverbraucher die meisten Lebensmittel wegwerfen. Die Tafeln rufen seit Jahren alle Akteure auf, in ihrem jeweiligen Wirkungskreis Verschwendung zu verringern. Ob Landwirt, Hersteller, Händler oder Verbraucher – jeder ist aufgerufen, sich verantwortungsbewusst zu verhalten.

Marktwirtschaft bringt Produktvielfalt mit sich. Die von den meisten Verbrauchern gewünschte Vielfalt bedingt unverkäufliche Überschüsse. Die Nachfrage nach einzelnen Lebensmitteln ist nie vollständig voraussehbar. Tafeln können diese Überschüsse nicht vermeiden, sie können aber dafür sorgen, dass gute Lebensmittel nicht entsorgt werden, sondern Bedürftigen zugute kommen.
Würden Tafeln ihre gemeinnützige Arbeit einstellen, hätte das keinen Einfluss auf die Menge der bei Herstellern und Händlern anfallenden überzähligen Lebensmittel. Andere Lebensmittelspenden sammelnden Initiativen würden diese Waren abnehmen und verteilen.
Viele Tafeln vermitteln in Kinder- und Kochprojekten, wie man sich gesund ernähren kann und dabei vernantwortungsvoll mit Lebensmitteln umgeht. Auch bei öffentlichen Veranstaltungen wie dem jährlich stattfindendern Deutschen Tafeltag oder den Aktionstagen „Wir retten Lebensmittel – Zu gut für die Tonne“ werben die Tafeln immer wieder bei Bürgern und Unternehmen um Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit ökologischen Ressourcen/Lebensmitteln.

Warum streiken die Tafeln aus Protest gegen Armut nicht einmal?
Mit einem Streik ist niemandem geholfen. Unzählige Tonnen verzehrfähiger Lebensmittel würden als Bio-Müll auf den Müllhalden landen. DieTafel-Nutzer müssten ihre Lebensmittel im regulären Handel beziehen – ihre prekäre finanzielle Lage würde sich noch weiter verschlimmern, ihre Ernährungssituation möglicherweise leiden.

Überdies fühlen sich 50.000 Ehrenamtliche in ganz Deutschland der Tafel-Idee von Herzen verbunden. Sie wollen helfen – und lassen sich das sicher nicht verbieten. Ihr Einsatz, ihre Solidarität und ihre Nächstenliebe gilt eben ganz konkreten Menschen – und nicht einer verfehlten abstrakten Sozialpolitik.
Viele Politiker loben die Tafeln, auch solche die die bestehende Sozialpolitik mit zu verantworten haben. Sind die Tafeln nicht längst Teil des Systems?
(Was die Tafeln leisten können: Ansichten des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V. Seite 7)
Niemand steht außerhalb des Systems. Wir sind nicht mit allem einverstanden, was einzelne Politiker oder Parteien tun. Aber es ist wichtig, dass Politiker die Tafeln besuchen, sich mit den Tafel-Nutzern unterhalten oder sich überhaupt mit uns auseinandersetzen. Sie müssen die Lebenswirklichkeit von 15 Millionen Betroffenen kennenlernen und erkennen, wie groß die sozialen Probleme in unserem Land geworden sind. 1,5 Millionen Tafel-Nutzer kann man nicht wegdiskutieren. Das müssen die Politiker verstehen – und wir sagen ihnen ganz klar, dass wir Lösungen von ihnen erwarten.

Zu den Spendern und Unterstützern der Tafeln gehören Konzerne, die in der Kritik stehen: Nestlé, Mars, Ferrero, Coca Cola, Metro, Lidl. Gibt es keine schwarze Liste?

Es gibt Grenzen. Wir nehmen keine Spenden von Rechten und auch keinen Alkohol an. Ja, vor allem große Firmen agieren auch widersprüchlich. Dazu tragen wir alle als Verbraucher mit bei. Wir wollen günstig einkaufen, verdrängen aber, dass diese Preise z.B. durch die Arbeitsbedingungen bei den Zulieferern im wahrsten Sinne des Wortes „erkauft“ werden.
Wenn wir die Waren dieser Unternehmen ablehnen würden, würden sie im Müll landen. Damit ist niemandem geholfen.

Der Handelskonzern Metro finanziert einen Teil der laufenden Kosten des Bundesverbandes. Ist der Bundesverband abhängig von der Wirtschaft?

Nein, das ist er nicht nicht. Neben der Metro Group unterstützen viele andere Unternehmen und Privatspender die Arbeit des Bundesverbandes. Zusätzlich wird der Verband durch die Mitgliedsbeiträge der Tafeln finanziert. Entscheidungen im Verband treffen allein die von den Tafeln gewählten ehrenamtlichen Vertreter des Gesamtvorstandes.

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